Konflikt und Konzil

Das Konzil als kircheninternes Instrument zur Klärung innerkirchlicher Fragen und Streitigkeiten prägte bereits die Alte Kirche, wie die Geschichte des Konzilswesens belegt. Die ersten fassbaren Konzile fanden gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. in den östlichen Provinzen des Römischen Reichs als...

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Main Author: Marti, Liliane
Format: Online
Language:German
Published: Schwabe Verlag 2024
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description Das Konzil als kircheninternes Instrument zur Klärung innerkirchlicher Fragen und Streitigkeiten prägte bereits die Alte Kirche, wie die Geschichte des Konzilswesens belegt. Die ersten fassbaren Konzile fanden gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. in den östlichen Provinzen des Römischen Reichs als Treffen benachbarter Bischöfe statt und dienten dem Austausch zwischen den christlichen Gemeinden. An den Bischofsversammlungen wurden theologisch-dogmatische Inhalte besprochen, Fragen zur institutionellen Organisation der Kirche debattiert und disziplinarische Entscheidungen gefällt. Obwohl viele Aspekte der Alten Kirche und des Konzilswesens bereits ausführlich erforscht worden sind, fehlen systematische Analysen der Konzile aus einer konflikttheoretischen Perspektive, die eine differenzierte Betrachtung der Funktionsweise von Konzilen erlauben. Dieser Forschungslücke nimmt sich die Dissertation an und untersucht im Rahmen der Interfakultären Forschungskooperation (IFK) „Religious Conflicts and Coping Strategies“, inwiefern und unter welchen Umständen Konzile als kollektive Form von Konfrontation und Konsensbildung ein geeignetes Instrument zur Bearbeitung religiöser Konflikte sind. Der forschungsleitenden Frage wird am Beispiel des sogenannten Donatistenstreits nachgegangen. Das Schisma der afrikanischen Kirche im 4. und 5. Jahrhundert ist dank der Schriften und Briefe der Bischöfe Eusebius von Caesarea, Optatus von Mileve und Augustinus von Hippo relativ gut dokumentiert und hat sowohl in der historischen als auch in der theologischen Forschung viel Aufmerksamkeit erhalten. Eine Vielzahl der wissenschaftlichen Publikationen befasst sich mit der Frage nach den Ursachen und den treibenden Kräften des Konflikts und spiegelt damit die für die Spätantike paradigmatische Verflechtung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer und religiöser Faktoren; die Konzile werden zumeist unter diesen Gesichtspunkten analysiert. Der konflikttheoretische Zugang zu den Konzilen generiert deshalb nicht nur neue Erkenntnisse zur Funktionsweise von Konzilen, sondern eröffnet gleichzeitig eine neue Perspektive auf den Donatistenstreit: Anstatt eine Abwägung der verschiedenen, konfliktbestimmenden Faktoren vorzunehmen, wird der Beitrag der Konzile zum Konflikt und zu dessen Dynamik untersucht. Aus einer akteurszentrierten Perspektive, die nach diversen Arten absichtsvoller, zielgerichteter und flexibler Konfliktbearbeitung fragt, und mit Blick auf die Interaktionsformen und deren vergesellschaftende Wirkung werden fünf exemplarisch ausgewählte Konzile ganzheitlich analysiert und vergleichend dargestellt. Dazu werden sie von der Einberufung und der Organisation über die Durchführung bis hin zum Abschluss mit der Umsetzung der konziliaren Urteile und deren Nachwirkungen dargestellt. Im Anschluss werden die Erkenntnisse dazu genutzt, um nach der Bedeutung der Konzile für die Konfliktdefinition, die interne Gruppenbildung und die Konfliktgestaltung zu fragen. Die Dissertation zeigt auf, dass Konzile nicht zwangsläufig auf die Beendigung des Konflikts ausgelegt sind, sondern verschiedentlich konfliktgestaltend wirken, indem sie den Konflikt in einem kontrollierten und regulierten Rahmen sichtbar machen, identifizieren, lenken und langfristig dokumentieren, wobei die beteiligten Akteursgruppen vergesellschaftet werden. Da sie formal gesehen als Rechtsstreit abgehalten werden, identifizieren und definieren die Konzile sowohl die Streitparteien als auch den Streitgegenstand; dabei bestimmen Setting und Verhandlung, wer zu welchem Zeitpunkt auf welche Weise agieren kann sowie welche Problemlagen bearbeitet werden. Weil sich Konzile als innerkirchliches Instrument zur Klärung kircheninterner Differenzen entwickelt haben, geht ihre Einberufung mit der impliziten Definition des Streitgegenstands als negotium ecclesiasticum einher, bevor die Verhandlungen und die Konzilsurteile die explizite Definition vornehmen. Diese Definition des Konflikts und die folgenden Konzilsurteile, die den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, lösen nach Abschluss der Verhandlung verschiedene, den Konflikt gestaltende Prozesse gleichzeitig und wechselseitig aus, indem sie die Wahrnehmung des Konflikts prägen, Streitinhalte beeinflussen und unterschiedliche Ausgangslagen und Handlungshorizonte für die Streitparteien schaffen. Interessensgemeinschaften und Organisationen werden dabei etabliert und modifiziert und verschiedene Formen des Mit- und Gegeneinanders konstituiert. Insgesamt macht die Dissertation den prozessualen Charakter der Konfliktbearbeitung und Konfliktgestaltung im Rahmen der Konzile deutlich: Durch Konzile können Problemlagen sowohl bearbeitet als auch hervorgerufen werden, wobei verschiedenen Personen und Gruppen wechselseitig die Möglichkeit eröffnet wird, Strukturen und Bedingungen zu verändern, ihre Umwelt aktiv zu gestalten und Handlungsspielräume zu beeinflussen oder gar zu schaffen. Gleichzeitig wird der Einfluss der Konzile auf den Konflikt akzentuiert: Die Konfliktdynamik des Donatistenstreits ist zu beachtlichen Teilen auf seine Konzile zurückzuführen.
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Die ersten fassbaren Konzile fanden gegen Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. in den östlichen Provinzen des Römischen Reichs als Treffen benachbarter Bischöfe statt und dienten dem Austausch zwischen den christlichen Gemeinden. An den Bischofsversammlungen wurden theologisch-dogmatische Inhalte besprochen, Fragen zur institutionellen Organisation der Kirche debattiert und disziplinarische Entscheidungen gefällt. Obwohl viele Aspekte der Alten Kirche und des Konzilswesens bereits ausführlich erforscht worden sind, fehlen systematische Analysen der Konzile aus einer konflikttheoretischen Perspektive, die eine differenzierte Betrachtung der Funktionsweise von Konzilen erlauben. Dieser Forschungslücke nimmt sich die Dissertation an und untersucht im Rahmen der Interfakultären Forschungskooperation (IFK) „Religious Conflicts and Coping Strategies“, inwiefern und unter welchen Umständen Konzile als kollektive Form von Konfrontation und Konsensbildung ein geeignetes Instrument zur Bearbeitung religiöser Konflikte sind. Der forschungsleitenden Frage wird am Beispiel des sogenannten Donatistenstreits nachgegangen. Das Schisma der afrikanischen Kirche im 4. und 5. Jahrhundert ist dank der Schriften und Briefe der Bischöfe Eusebius von Caesarea, Optatus von Mileve und Augustinus von Hippo relativ gut dokumentiert und hat sowohl in der historischen als auch in der theologischen Forschung viel Aufmerksamkeit erhalten. Eine Vielzahl der wissenschaftlichen Publikationen befasst sich mit der Frage nach den Ursachen und den treibenden Kräften des Konflikts und spiegelt damit die für die Spätantike paradigmatische Verflechtung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer und religiöser Faktoren; die Konzile werden zumeist unter diesen Gesichtspunkten analysiert. Der konflikttheoretische Zugang zu den Konzilen generiert deshalb nicht nur neue Erkenntnisse zur Funktionsweise von Konzilen, sondern eröffnet gleichzeitig eine neue Perspektive auf den Donatistenstreit: Anstatt eine Abwägung der verschiedenen, konfliktbestimmenden Faktoren vorzunehmen, wird der Beitrag der Konzile zum Konflikt und zu dessen Dynamik untersucht. 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